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„Ein Abend ist zu wenig!“

Dr. Gregor Gysi begeistert bei der 10. Buchlesung der AWG Güstrow-Parchim und Umgebung Mitglieder und Gäste im ausverkauften Ernst-Barlach-Theater

„Ein Abend ist zu wenig!“ meinte der AWG-Vorstandsvorsitzende Marco Mischinger nach zwei Stunden Top-Talk mit Dr. Gregor Gysi in der 10. Buchlesung der Allgemeinen Wohnungsbaugenossenschaft AWG Güstrow-Parchim und Umgebung eG in Abwandlung von dessen Biografie „Ein Leben ist zu wenig“.
Der Ausspruch, auch ohne weiteres als neue Einladung zu verstehen, brachte zwei Stunden feinster Unterhaltung mit dem Linken- und Europa-Politiker, Moderatoren, Autoren und Rechtsanwalt im ausverkauften Ernst-Barlach-Theater Güstrow auf den Punkt.
350 Besucher kamen. „Aber wir hätten 1000 Karten verkaufen können“, trat Vorstand Norbert Karsten wieder einmal den Beweis an, wie die AWG mit gerade diesen Buchlesungen den Nerv der Genossenschaftsmitglieder trifft und damit „einen aktiven Beitrag zur Festigung des gesellschaftlichen Zusammenhalts leistet.

Auf den mussten allerdings alle etwas warten, denn der Gast hatte eine lange Anreise und die stockte. Gregor Gysi war von Essen nach Düsseldorf gefahren und stieg dort in den Flieger nach Berlin. Von dort ging es per Auto nach Güstrow. Hier zog dem Großstädter, der einiges an Rush Hour gewohnt ist, das Güstrower Einbahnstraßensystem den Zahn.  Schließlich lotste ihn ein einheimisches Auto ins Theater. Als er auf die Bühne trat empfingen ihn herzlicher Beifall und ein Überraschungsgast: der letzte DDR-Innenminister und Amtskollege Peter-Michael Diestel. Der outete seine Frau als PDS-Wählerin, wegen Gysi, und erklärte am Ende der Lesung, dass er als CDU-Mitglied bei einer eventuellen Wahl zum Bundespräsidenten Gregor Gysi seine Stimme geben und auch seinen Unionskollegen dazu raten wird.

Dann war Buchlesungszeit, die aber zu einem munteren Gespräch wurde. Locker moderiert spielte Dietmar Tahn, Leiter der Norddeutschen Neuesten Nachrichten (NNN) im Medienhaus Nord Schwerin, dem Talk-Star der vergangenen Jahrzehnte die Bälle aus seinem 70-jährigen Leben präzise zu. Und der Profi beförderte sie alle, um im Bild zu bleiben, ins Tor. Mehrfach wurde diese Trefferquote von einem gut gelaunten Publikum mit viel Beifall und lautem Lachen quittiert. Wenn auch der Saal ganz sicher nicht nur von Freunden linker Politik gefüllt war, Gysi mag man einfach gern zuhören, denn er kam auch an diesem Abend so herüber, wie es im Abriss seines Lebens zu lesen ist: sehr persönlich, aber nicht privat, ernst, unterhaltend, pointiert und einem Wissen wie aus einem Geschichtsbuch.

Allein Abend füllend wäre schon seine Familiengeschichte gewesen. „Was glauben Sie, was es bedeutet, das alles herauszufinden“, legte er los. Das habe nichts mit den 15 Minuten, nun gut, 30 Minuten zu tun, in der man als Kind gezeugt werde, erklärte er unter dem lauten Lachen der Zuhörer. Zuallererst betonte er, dass er politisch – seine Eltern waren Kommunisten - durch sein Elternhaus geprägt wurde. Selbstbestimmt funktioniere nicht, so etwas erfolge immer durch die Art der Sozialisation, so Gysi. Ebenfalls mit Lachen quittierten die Besucher, dass einer seiner Vorfahren väterlicherseits der Begründer der deutschen und europäischen Rassegeflügelzucht, Robert Oettel, war. Der sorgte dafür, dass die Hühner in unseren Regionen fleischiger und legefreudiger wurden. Oettel führte Hennen aus China ein… Gysi bat daher an diesem Abend, wenn die Güstrower künftig in ein Hühnerbein beißen oder ein Ei essen, an seinen Ur-Ur-Ur-Großvater zu denken. In einer Familie, in der der Vater, Klaus Gysi, in der DDR Botschafter, Kulturminister und Staatssekretär für Kirchenfragen war, mag man es nicht so recht glauben, dass Sohnemann Gregor keine Privilegien genoss, was er betonte. Allerdings räumte er die „Art des Besuches“ im Hause Gysi, der aus den USA, Großbritannien, Belgien oder den Niederlanden und anderswo kam, als etwas Besonderes ein.

Dann brachte Dietmar Tahn ein zweites Buch Gysis ins Gespräch, „Marx und wir“, das, meinte Tahn, besser wohl aber „Marx und ich“ heißen müsste. Weil: Gysi erklärt mit diesem Buch in einem fiktiven Gespräch, dass ihn das Verhältnis der Deutschen  zu Karl Marx, nach seiner Auffassung einer der größten deutschen Denker, stört. Er kritisiert dabei, den Missbrauch von Marx im Staatssozialismus und seine Verbannung aus Deutschland und fordert, endlich eine Universität nach Marx zu benennen, am besten die in Trier, der Geburtsstadt von Marx.

Dann kamen Fragen an den Präsidenten der europäischen Linken, in vielerlei Hinsicht. Gysi räumte ein, dass die Linken durch das Scheitern des Staatssozialismus generell geschwächt sind und es auch nicht verstehen, die Leute mitzunehmen. Auch sei sie keine Protestpartei mehr, weil sie mittlerweile in Ländern Regierungsverantwortung übernimmt. Gysi: „Da kannst du doch keinem vermitteln, dass wir noch eine Protestpartei sind.“ Ebenfalls herrsche gegen Linke unter den Bürgern ein Misstrauen, weil es u.a. an wirtschaftlichen Vorstellungen fehle. Gysi formulierte seine. Dazu gehören die Vergesellschaftung der Banken und großen Konzerne und eine öffentliche Daseinsvorsorge mit einer öffentlichen  Verantwortung. Als Beispiel nannte er das Gesundheitssystem. Da dürfe nicht das Sich-Rechnen der Maßstab sein, sondern es müsse für den Patienten da sein. Dazwischen platziert er genossenschaftliches (das hörten die AWG-Verantwortlichen besonders gern) und privates Eigentum. Keine Gegenwehr gibt es von ihm bei der Aktion „Aufstehen“. Nur hat Gysi selbst einmal mit einer Aktion „Komitee für Gerechtigkeit“ die Erfahrung gemacht, dass man keine Bewegung „von oben beschließen“ kann.

Dann ging es weiter quer durch den Gemüsegarten von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Wortspiele eingeschlossen. Schmunzelnd gab er z.B. zum Besten, dass er den Begriff „Jamaika“-Koalition eher nicht zutreffend fand. Gysi: „Bei Jamaika denke ich an Karibik, Strand, Rum und Reggae, aber doch nicht an Merkel, Seehofer oder Lindner. Aber gut. Der Botschafter von Jamaika freute sich damals – auf viele Touristen.“ Er hatte die Lacher auf seiner Seite. Kaum gute Worte findet Gysi für die SPD. Die hätte sich bei der Wahl nur als Alternativpartei zur CDU retten können und hätte nie eine Koalition eingehen dürfen. Gysi hätte daher gern eine Minderheitsregierung gesehen. Die hätte nach seiner Meinung die Demokratie belebt. Wenn es nicht geklappt hätte, hätte es eben Neuwahlen gegeben. Mit Gysi vielleicht als Kanzler? Der mit allen Wassern gewaschene Polit-Profi antwortete wie man ihn kennt: „Adenauer war 73 als er Kanzler wurde. Ich bin ja erst 70…“ Merkel sieht er aktuell richtig in der Klemme. Für Gysi hat sie keine Ideen für Deutschland, Europa und die Welt. Sie könne nur noch verwalten, so Gysi.

Für das Erstarken der AfD, besonders im Osten, sieht Gysi folgende Gründe: Die Ostdeutschen fühlen sich als Verlierer der Geschichte, die Wirtschaft wurde platt gemacht, die DDR war eine geschlossene Gesellschaft, außer Leipzig und Ost-Berlin, und die Ostdeutschen fühlen sich als Deutsche 2. Klasse. Oder wie kürzlich eine Journalistin formulierte, als Deutsche mit Migrationshintergrund. Dann suche man sich eine 3. Klasse…, so Gregor Gysi. Soziale Ängste schürt die Massenarbeitslosigkeit, verstärkt durch die Flüchtlingspolitik. Die habe damit aber nichts zu tun, so der Politiker. Fatal findet Gysi, dass die Bundesregierung bei der Wiedervereinigung nicht „aufhören konnte zu siegen“. Wenigstens acht Dinge hätte die BRD übernehmen können und müssen, darunter das Bildungssystem, die Berufsausbildung, das Gesundheitswesen. Festgestellt hat er, was die Neonazis betrifft, dass die Anführer meist aus dem Westen kommen und sie das „Fußvolk“ im Osten finden. Das alles sei zu analysieren und es müssen Schritte dagegen unternommen werden, betonte er. Dazu zählt er besonders, dass 30 Jahre nach der Wende endlich alle Löhne und Renten im Osten angeglichen werden müssen.

Beim Thema Putin und Russland hob er hervor, dass man Russland als atomare Weltmacht sehen muss, von der man weiß, dass sie, wo sie ihren Einfluss hat, sich nicht zurückdrängen lässt. In der Annexion der Krim sieht er einen völkerrechtlichen Verstoß. Gysi erklärte, dass ihre Zugehörigkeit nichts mit dem Geschenk von Chruschtschow  zu tun hat, sondern einzig und allein im Vertragswerk des Budapester Memorandums von 1994 nach dem Verzicht der Ukraine auf ihre Nuklearwaffen eine Grundlage hat, in dem die Ukraine in ihren zu dieser Zeit bestehenden Grenzen, inklusive der Krim, anerkannt wird. „Voll daneben“ findet Gysi dagegen, dass deutsche Soldaten wieder an russischen Grenzen stationiert sind.

Den Erfolg Trumps erklärt er mit den Erfolgen der Familie in Millionen Dollar, was vom amerikanischen Volk, ganz anders dagegen in Deutschland, anerkannt wird und mit dem Fakt, dass er nicht aus dem politischen Establishment kommt. Gysi glaubt, dass eine Roulette-Kugel berechenbarer ist als Trump und findet ihn „leicht gestört“. Eine Abwahl wäre ein Wunsch in seinem weiteren Leben.

Gysi hätte die Insel gern in der EU behalten, sieht im Brexit eine negative Entscheidung, aber sagt auch, dass so etwas sein Gutes haben könne. Für die EU sieht er keine Alternative in der Auseinandersetzung, vor allem auch wirtschaftlich, mit Amerika, China und Japan. Vor allem sieht er auch die Jugend, die längst europäisch heranwächst. „Ich kann mir nicht vorstellen,  wie das anders gehen soll, wenn wir wieder zu den alten Nationalstaaten mit Grenzen und Visa zurückkehren“, sagt Gysi.

Mit einem seiner Sprüche glänzte er, als er erklärte, was den Unterschied zwischen einem Spezialisten und einem Generalisten, der er ist, ausmacht. „Ein Spezialist ist einer, der alles weiß, aber nichts erklären kann. Ein Generalist ist einer, der nichts versteht, aber alles erklären kann.“

„Ein Leben ist zu wenig“, in der Tat. Gregor Gysi hatte und hat sechs: die Kindheit und Jugend (1), die Studentenzeit (2), die Anwaltsarbeit in der DDR (3), die Wende als Politiker und Rechtsanwalt (4), zuerst der preußisch-sture Kampf als Bürger der BRD gegen die große Mehrheit, die ihn ablehnte, dann Kampf um die Akzeptanz (5) und die Akzeptanz der Mehrheit (6). Das 7. Leben ist für ihn das Alter. Gysi: „Ich habe bloß ein Problem damit, wann es beginnt. Aber auf jeden Fall habe ich beschlossen, es zu genießen.“ Dabei gibt er zwei Empfehlungen, Nachahmung erbeten: „Erstens bin ich nicht verpflichtet, alles zu vererben, sondern ich kann mir Herzenswünsche erfüllen. Zweitens bitte nicht den ganzen Tag von Krankheiten sprechen, denn davon wird man nicht gesund.“

„Solange die Musik spielt, tanzt der Gysi“, meinte Dietmar Tahn und wollte damit auf die politischen Ziele Gysis hinaus. Er könne sich inzwischen zurücknehmen, das beweise ja sein Rückzug vom Fraktionsvorsitz im Bundestag. Trotzdem könne er politisch tätig sein. Er sei ja noch im Bundestag. Mit längerfristigen Entscheidungen sei er aber vorsichtiger geworden. Das sei doch dem Alter geschuldet.  Verhindern möchte Gysi unbedingt die Spaltung der europäischen Linken. Im Kampf um gleiche Löhne und Renten im Osten und für die Gleichberechtigung der Frau hat er seinen politischen Gegnern ins Stammbuch geschrieben: „Ich sterbe solange nicht bis das in Deutschland durch gesetzt ist.“ Zum Abschluss der Lesung bzw. des launigen Gesprächs signierte Gregor Gysi für sehr viele Besucher sein Buch.

Hans-Jürgen Kowalzik (Bilder und Text)

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